Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift Similia (Ausgabe 136), eine Fachzeitschrift für klassische Homöopathie, publiziert. Die Zeitschrift wird seit 1992 von der SHI - Haus der Homöopathie in Zug veröffentlicht und richtet sich an Ärzte, Homöopathen, Naturheilpraktiker, Studierende der Homöopathie und interessierte Privatpersonen. Die Zeitschrift erscheint viermal jährlich und bietet Fachartikel sowie Praxisberichte zu klassischer Homöopathie.
Am 23.6.25 bin ich auf Hausbesuch bei Pirat, einem quirligen, dreimonatigen, rotgetigerten Kater mit einem Auftreten, das seinem Namen alle Ehre macht: mutig, verspielt, voller Tatendrang. Gemeinsam mit seinem Bruder ist er vor zwei Wochen in sein neues Zuhause gezogen, nachdem die beiden zuvor in einem Haushalt mit mehreren Katzenfamilien aufgewachsen waren. Schon kurz nach seiner Geburt entwickelten sich bei Pirat Symptome des Katzenschnupfen-Komplexes: tränende, verklebte und geschwollene Augen, Niesen, Nasenausfluss und phasenweise erschwerte Atmung. Der Katzenschnupfen-Komplex ist eine Mischinfektion verschiedener Erreger, die oft gleichzeitig vorkommen und eine primär chronisch verlaufende Krankheit. Aus homöopathischer Sicht gehört er zu den einseitigen Krankheiten, die durch eine geringe Anzahl verwertbarer Symptome gekennzeichnet sind. Die homöopathische Therapie ist langwierig und es kann während eines Katzenlebens immer wieder zu Rückfällen kommen.
Bereits beim ersten Besuch zeigt Pirat deutlich, wer er ist: Ein neugieriger, sozialer, furchtloser kleiner Kerl, der aufmerksam alles untersucht, jeden Besucher schnurstracks begrüsst und voller Selbstvertrauen durch die Wohnung flitzt. Während sein Bruder zunächst vorsichtig Abstand hält, ist Pirat sofort „mittendrin“. Seine Besitzer erzählen, er sei schon im ursprünglichen zuhause stets der Erste gewesen, der spielen, schmusen und Aufmerksamkeit wollte – so sehr, dass schliesslich beide Brüder adoptiert wurden: „der kleine Pirat hat unsere Herzen auch erobert.“ Er ist gleichzeitig gesellig aber auch sehr unabhängig und selbständig und scheint vor Energie nur so zu strotzen. Er ist der Kleinste und Letztgeborene seines Wurfs, trinkt trotz Frischfleischfütterung ungewöhnlich viel und man sieht ihm die Perser-Abstammung bereits im jungen Alter an.
Der Nasenausfluss ist meistens wässrig, er war aber auch schon gelb-grün. Die Augen sind geschwollen und verformt, der Augenausfluss ist flüssig, klebrig und nicht reizend. Husten hat er keinen, niest aber immer wieder, oft auch mehrmals hintereinander. Die Atmung ist lauter und fällt ihm schwer, was ihn aber interessanterweise ganz und gar nicht davon abhält wild herumzurasen. Pause wird nicht eingelegt und er scheint immer irgendwie auf dem Sprung zu sein.
Vor 4 Tagen war Pirat wegen seiner Katzenschnupfensymptome beim Tierarzt und bekam Entzündungshemmer und antibiotikahaltige Augensalbe. Geimpft wurde er nicht und auf die chemische Entwurmung wurde vorerst auch mal verzichtet.
Während die Schnupfensymptome eher unspezifisch sind und von vielen Mitteln abgedeckt werden, werte ich die Tatsache, dass er trotz seiner offensichtlichen Symptome in seinem Verhalten ein Energiebündel bleibt, als wahlanzeigend.
Am 23.6.25 bekommt Pirat eine Einzelgabe Phosphorus C30 ohne sichtliche Wirkung, weshalb ich das Mittel am 9.7.25 in der C200 wiederhole.
Kurz darauf beginnt sich der Schleim zu lösen. Die Atmung bleibt zwar erschwert insbesondere nach längerem liegen, doch Pirat niest nun vermehrt zähen, gelb-grünen Schleim aus, wonach er jeweils deutlich freier atmet. Die Augen sind weniger geschwollen und verkleben nicht mehr. Sein Allgemeinzustand ist ausgezeichnet: er wächst, spielt, ist neugierig wie eh und je.
Ende Juli kommt es erneut zu einer Phase mit verstopfter Nase und schwererer Atmung. Eine weitere Gabe Phosphorus C200 – zuerst als Einzelgabe, dann ein paar Tage in Folge im Wasser – hilft jeweils, den Schleim zu lösen.

7.8.25: Die Besitzer berichten, dass die Atmung seit den wiederholten Gaben leiser und freier geworden ist. Teilweise schnäuzt er nun Schnodder aus ohne vorangehende Atembeschwerden. Die Augen zeigen eine rundere und symmetrischere Form, der Ausfluss ist geringer. Am 9.8.25 treten wieder grössere, zähe, harte Schleimklumpen aus, die Atmung ist wieder etwas schwerer. Er niese regelmässig ca. dreimal pro Stunde. Pirat wirkt ansonsten lebendig, aufgeweckt und zufrieden. Es folgt eine Einzelgabe Phosphorus M.
Bis Ende August geht es Pirat sehr gut. Der Schleim ist viel besser lösbar und Pirat entwickelt sich gut. Nach einem Rückfall im Rahmen des Zahnwechsels – einer für Jungtiere typischen Belastungsphase – verschreibe ich Tuberkulinum Koch C30 im Wasser einmal täglich für 3 Tage als Zwischenmittel, jedoch ohne erkennbaren Effekt. Ab dem 4.9.25 erhält Pirat daher erneut Phosphorus C200 aus dem Wasser, diesmal einmal pro Woche, um die Lebenskraft während der Wachstumsphase regelmässig zu unterstützen.

18.9.25: Die Niesabstände werden länger, Schleim löst sich leichter, und Pirat atmet deutlich freier. Atemnot ist nicht mehr aufgetreten. Gleichzeitig ist er lebendig wie eh und je, aufmerksam, verspielt und stets bereit für neue Abenteuer. Kürzlich hat er einen kleinen Spalt auf dem Balkon entdeckt und sofort für eine eigenständige Entdeckungstour genutzt.

21.11.25: Die positive Entwicklung setzt sich fort: Pirat niest zwar mehrmals täglich, doch die Absonderungen sind dünnflüssig und mild und die Atmung stabil. Seine Energie und Lebensfreude sind ungebrochen – er rennt, spielt, begleitet seine Menschen an der Leine und entdeckt die Welt mit echtem Piratengeist. Die Phosphorus-Gaben werden nun auf einmal alle zwei Wochen verlängert.
Für Frühling ist eine Katzentreppe geplant, damit Pirat und sein Bruder später auch selbstständig nach draussen können. Bis dahin bleibt noch Zeit, Pirat mit Hilfe der Homöopathie weiter zu stärken – besonders wichtig, weil durch die bevorstehende Kastration seine Lebenskraft erneut unter Druck kommen und sich die Katzenschnupfensymptome vorübergehend verschlimmern könnten. Bei Katzenschnupfenpatienten sind immunsupprimierenden Therapien, Entwurmungen, Impfungen, Antibiotika-Gaben oder andere chemische Mittel immer besonders sorgfältig abzuwägen, da alles, was das Immunsystem zusätzlich herausfordert, zu einem Rückfall führen kann.
Wie lange Pirat Phosphorus weiterhin benötigt, in welchen Abständen es gegeben wird oder ob irgendwann eine andere Potenz oder ein anderes Mittel nötig wird, wird individuell und Schritt für Schritt an den jeweiligen Zustand seiner Lebenskraft angepasst.

